Psychische Belastung beim Einsatz von KI
KI nutzen, ohne den Kopf abzugeben
Ein Bericht oder eine Präsentation ist mit KI in wenigen Minuten fertig. Doch ein fertiger Text bedeutet noch nicht, dass man seinen Inhalt verstanden hat. Für eine menschzentrierte Arbeitsgestaltung und den Arbeitsschutz zählt deshalb mehr als die Zeitersparnis: Was bleibt an eigenem Wissen, Einfluss und Freude an der Arbeit?
Die Forschung dazu ist jung. Legt man die vorliegenden Befunde nebeneinander, ergibt sich ein Risiko, das jedoch gestaltbar ist.
1. KI spart Zeit
Das ist ihr Versprechen, und sie löst es ein. In einem Experiment mit Fachkräften brauchten die Teilnehmenden für Schreibaufgaben mit ChatGPT rund 40 Prozent weniger Zeit, und ihre Texte wurden besser bewertet. Studierenden fiel die Recherche mit ChatGPT deutlich leichter als mit Google.
2. Verstehen braucht eigene Arbeit
Gerade in dieser Mühe entsteht aber Wissen: Wer selbst recherchiert und schreibt, muss Informationen auswählen, Widersprüche erkennen und Gedanken ordnen. Die Studierenden mit ChatGPT lieferten am Ende die schwächeren Begründungen. In einem Schreibversuch empfanden Menschen mit KI ihren Text am wenigsten als eigenes Werk und konnten kaum Stellen daraus wiedergeben. Das Ergebnis liegt vor, das Verständnis dahinter ist dünner.
3. Prüfen braucht Wissen und Zeit
„Der Mensch prüft am Ende“ ist die übliche Antwort auf Fehler der KI. Gründliches Prüfen setzt aber voraus, dass man den Inhalt versteht und sich Zeit dafür nimmt. Im Experiment mit den Fachkräften blieben die Teilnehmenden nach dem Einfügen mutmaßlicher KI-Texte im Schnitt nur etwa drei Minuten aktiv, obwohl gute Ergebnisse zusätzlich bezahlt wurden. Die Prüfung fiel also meist kurz aus. Ob sie trotzdem gründlich war, lässt sich daraus nicht ablesen. So bleibt die Verantwortung beim Menschen, während ihre Grundlage schwinden kann.
4. Der eigene Beitrag verändert sich
Im Betrieb kann das bedeuten: Beschäftigte verwalten Dokumente, befragen die KI und korrigieren Antworten, statt selbst Lösungen zu entwickeln. Der eigene Beitrag wird weniger spürbar. In Versuchen erzielten Menschen mit KI zwar bessere Ergebnisse. Bei anschließenden Aufgaben ohne KI sanken jedoch Freude und innerer Antrieb, die Langeweile nahm zu. Die Forschenden führen das unter anderem auf ein geringeres Gefühl von Kontrolle über die eigene Arbeit zurück. Die Wirkung reicht also über die KI-Aufgabe hinaus.
5. Wenn Zeitgewinn zu mehr Arbeit wird
Bleibt der Zeitgewinn. In einer OECD-Befragung berichteten 2022 viele Beschäftigte in Fertigung und Finanzwesen, dass es ihnen mit KI psychisch besser ging. Rund drei Viertel spürten zugleich ein höheres Arbeitstempo. Das muss nicht schaden, solange Beschäftigte auch mehr Einfluss auf ihre Arbeit gewinnen. Gerade dieser Einfluss kann aber, wie beschrieben, abnehmen. Werden eingesparte Minuten dann sofort mit neuen Aufträgen gefüllt, fehlt die Zeit zum Prüfen und Lernen. Naheliegend ist dann, noch mehr auszulagern.
KI gehört in die Gefährdungsbeurteilung
Verdichtung, weniger eigenes Verständnis, ein kleinerer eigener Anteil und sinkende Motivation: Das sind bekannte Fragen der Arbeitsgestaltung. Hier setzt die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung an. Gemeint sind wertneutral alle Einflüsse der Arbeit auf die Psyche, nicht eine Erkrankung. Ungünstig sind nicht nur zu hohe Anforderungen, sondern auch wenig Einfluss, einseitige Aufgaben und fehlende Lernchancen.
Die gute Nachricht: An jeder dieser Stellen lässt sich gegensteuern. KMU sollten deshalb bei der Einführung von KI fünf Fragen stellen:
- Was soll KI erleichtern, und welche Denkarbeit muss beim Menschen bleiben?
- Bleiben Aufgaben erhalten, bei denen Beschäftigte selbst planen, entscheiden und lernen?
- Haben Beschäftigte Wissen, Zeit und Befugnisse, Ergebnisse wirklich zu prüfen?
- Erleben sie ihren eigenen Beitrag noch, und wie entwickeln sich Motivation und Einfluss?
- Fließt der Zeitgewinn auch in Qualität, Lernen und Erholung oder nur in mehr Arbeit?
Was KMU daraus machen können
Geschäftsführung, Beschäftigte und Betriebsrat, wo vorhanden, sollten diese Fragen gemeinsam beantworten und Regeln festlegen. Die Beteiligung der Beschäftigten hilft, belastende Arbeitsbedingungen früh zu erkennen und zu verbessern.
Für die Praxis heißt das: erst selbst denken, dann KI nutzen; Zeit zum Prüfen einplanen; nach der Einführung gemeinsam nachsteuern. ZUKIPRO unterstützt hessische KMU dabei mit Beratung und Qualifizierung. Gute KI-Nutzung spart nicht nur Zeit. Sie lässt Menschen fachlich handlungsfähig bleiben.
Autor: Arthur Groth (BTQ Kassel im ver.di Bildungswerk Hessen e.V.)


